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Von  Christine Kopp & Tanya Wittal

Der Lehrer ist Vorbild, kann er es sein?

Professor Roth: erfolgreiches Lernen strengt an

„Gegenwärtiges schulisches Lernen ist weder nachhaltig noch erfolgreich“, meinte der Bremer Neurobiologe Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth ausgerechnet in der internationalen Deutschen Schule Brüssel (iDSB), denn es berücksichtige die Erkenntnisse der modernen neurobiologischen Forschungen konsequent nicht. Die versammelten mehr als hundert Zuhörer, vor allem Lehrer, Eltern und ein paar Schüler, blieben während des Vortrags gefasst.

Und der Professor fuhr fort: Wesentlich für den Lern- und Schulerfolg seien die Persönlichkeit des Lehrenden, die Persönlichkeitseigenschaften des Schülers (wie Intelligenz, Motivation und Fleiß), die Aufmerksamkeit, das Vorwissen und die Anschlussfähigkeit des Stoffes, dessen Darbietung durch den Lehrenden sowie die systematische Wiederholung.

„Als Neurobiologe kann ich die Mechanismen aufzeigen, die dem Lehren und Lernen und den damit verbundenen kognitiven und emotional-motivationalen Prozessen zugrunde liegen“, sagt Roth. Er erläuterte, wie das Gehirn Informationen aufnimmt, verarbeitet und wie es lernt, und beschrieb die Rolle, die Emotionen in diesen Prozessen spielen.

Leitfigur Lehrer

Professor Roth unterstreicht in seinem Vortrag immer wieder die Wichtigkeit der Lehrerpersönlichkeit für erfolgreiches Lernen. Je mehr Sympathie und Vertrauenswürdigkeit die Lehrer ausstrahlten, desto besser lernten die Schülerinnen und Schüler: „Mancher Lehrer vermag es, seine Schüler für nahezu jeden beliebigen Stoff zu begeistern. Er kann ihnen sogar aus dem Telefonbuch vorlesen und sie finden das faszinierend. Der Lehrer ist Leitfigur, ist Vorbild, dies sollten alle weiteren Schulreformbemühungen respektieren.“

Roth betont, dass sich die Schüler dabei – unter anderem dank des limbischen Systems des Gehirns – nicht austricksen ließen. Sie taxierten in den ersten Sekunden einen neuen Lehrer und vermerkten teils unbewusst, ob dieser sympathisch und motiviert sei, sein Fach beherrsche, sich mit dem Gesagten identifiziere und ob er vertrauenswürdig sei. Lehrer würden allerdings zunehmend mit Konzepten „selbstorganisierten“ oder „eigenverantwortlichen“ Lernens konfrontiert, die ihre Mitwirkung scheinbar überflüssig machten, was sie zunehmend verunsichere. Diese Verunsicherung sei unbegründet und kontraproduktiv.

Viel wichtiger als die Art des Unterrichts, also Frontal-, Gruppen- oder Einzelarbeit, sei nachweislich die Vertrauenswürdigkeit des Lehrers. Vertrauenswürdig werde ein Lehrer, indem er auf seine eigenen Kräfte vertraue, fachlich kompetent sei, auf die individuellen Eigenheiten der Lernenden eingehe, gerecht und verlässlich sei und einen klar strukturierten Unterricht mit klar formulierten Ansprüchen durchführe.
Vertrauenswürdig könne man aber nur wirken, wenn man sich und seinen Kräften vertraue, was manchem Menschen in die Wiege gelegt, aber auch erlernbar sei. Dies müsse einen beträchtlichen Teil der Fort- und Weiterbildung der Lehrer ausmachen.

Intelligenz, Motivation, Fleiß

Der Neurobiologe konstatiert weiterhin, dass der Lernerfolg maßgeblich von Persönlichkeitsmerkmalen der Schüler wie ihrer Intelligenz abhänge. Verkürzt definiert Roth Intelligenz als „kreatives Problemlösen unter Zeitdruck“. Sie sei nach heutigen Erkenntnissen in hohem Maße (50-60 Prozent) angeboren, wobei nicht allein die Gene entschieden, sondern auch bereits die Schwangerschaft prägend sei. Zudem spiele die frühzeitige Förderung der Kinder eine große Rolle für die Entwicklung ihrer Intelligenz. Denn eine circa vierzigprozentige Beeinflussbarkeit der Intelligenz bedeute viel: Intelligenz könne bis an den oberen Rand der Normalverteilung gefördert werden, aber auch umgekehrt herabsinken.

Die allgemeine Lernbereitschaft korreliere mit der Bildungsnähe des Elternhauses. Ausufernde Frühfördermaßnahmen seien überflüssig, aber das Kind müsse früh erfahren, dass sich Lernen lohnt und dass das Lernen etwas Positives und Schönes ist. Dies führe eindeutig zu erhöhter Lernbereitschaft und fördere die Motivation. Stelle das Elternhaus schulisches Lernen als nutzlos oder gar lästig dar, so sollte man sich – laut Roth - nicht darüber wundern, dass Kinder nur schwerlich zum Lernen zu motivieren seien. Vermittle die Familie das schulische Lernen und die zugehörigen Sekundärtugenden wie Sorgfalt, Fleiß und Leistungsbereitschaft als etwas Positives, so steigere dies die Schülermotivation ungemein. In diesem Zusammenhang betont Roth, dass dies auch für Hochbegabte gälte: „ Selbst hochbegabte junge Menschen sind nur dann wirklich erfolgreich, wenn sie sehr, sehr fleißig sind und den Lernstoff systematisch üben.“ Die Einstellung zum Fleiß sei in Deutschland leider sehr geschlechtsspezifisch ausgeprägt. Was bei Mädchen toleriert werde, gelte bei Jungen als „uncool“, was die schulischen Leistungen der Jungen systematisch drücke.

Weniger ist mehr

Professor Roth plädiert für ein neues Lehren und Lernen. „Weniger ist mehr“, betont er. Eigentlich sollte ja jede Unterrichtsform zum Ziel haben, Wissen und Fähigkeiten so zu vermitteln, dass die Inhalte langfristig im Langzeitgedächtnis der Schüler hängen bleiben. Gegenwärtiges schulisches Lernen tue aber gerade das nicht: „Das deutsche Schulsystem hat nur einen äußerst geringen Wirkungsgrad“. Viel zu viele Inhalte würden ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit vermittelt, die Lehrpläne in G-8 seien heillos überfrachtet. „Erfolgreiches Lernen im deutschen Schulsystem  ist schwer möglich!“, meint der Gehirnforscher. Gemäß den Prinzipien der Gedächtnisbildung müsse das schulische Lehren und Lernen neu strukturiert werden: Eine neue Rhythmisierung des Ganztagsschulbetriebs und eine „hirngerechte“ Methodik seien notwendig.

Was empfiehlt der Wissenschaftler nun? Eine herausforderungs- und anstrengungsfreie Schule hält Roth für problematisch. Lernen sei allenfalls im Kleinkindalter anstrengungsfrei, danach gehe der Grad der Anstrengung direkt in den Lernerfolg ein: „Je mehr geistige Energie ich für die Aneignung von Wissen aufgewendet habe, desto besser beherrsche ich es später. Inhalte, die leicht erscheinen, verschwinden schnell.“ Anstrengung sei aber nicht zu verwechseln mit psychischem Stress und Angst, die erfolgreiches Lernen und die Gedächtnisbildung blockierten. Bei der Balance zwischen Herausforderung und Angst sei das Feingefühl des Lehrers in besonderem Maße gefordert.

Aktiv Lernen

Aktives Üben des Lernstoffes ist nach Roth wichtig für den Lernerfolg. Der Neurobiologie bevorzugt handlungsorientierten und aktivierenden Unterricht mit „Herz, Hand und Kopf“, denn nur bei der Durchdringung kognitiver und handlungsbezogener Prozesse kann sich Gelerntes konsolidieren. Zudem ist beim eigenen Handeln und Ausprobieren der Grad der Aufmerksamkeit am höchsten und dieses korreliert – so seine Forschungsergebnisse - direkt mit dem Lernerfolg. Geeignet seien Projektunterricht und fächerübergreifender Unterricht. Regelrecht „hirntötend“ findet der Professor den 45-Minutentakt.  Hier habe der Lehrende weder Zeit für eine zu Unterrichtsbeginn notwendige Kontrolle des Wissensstandes der Schüler noch für eine individuelle Ansprache der Lernenden.

Größere Unterrichtsblöcke mit kleineren Pausen erscheinen dem Forscher angemessener. Wichtig sei eine didaktische Reduktion anstatt „geballter Wissensvermittlung“. Ideal wäre es für Roth, während eines ganzen Vormittags ein einziges Thema über eine Mischung von Frontalunterricht, Gruppenunterricht und Einzelarbeit zu erarbeiten. Neuer Stoff sei klar strukturiert und in einem konzentrierten Spannungsbogen in Fünfminutenhäppchen zu präsentieren. Danach seien kurze Pausen einzulegen und man müsse das Gesagte zusammenfassen. Nur so habe das Arbeitsgedächtnis der Kinder Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten und im Zwischengedächtnis abzulegen.

Regelmäßig wiederholen

Zudem ist für Roth die Wiederholung das A und O des Lernens. Daher empfiehlt er beständige Wiederholungen in zunehmend längeren Abständen. Das heißt, was am Vormittag erlernt wurde, sollte am Nachmittag desselben Tages, nach 2 bis 3 Tagen, nach wenigen Wochen und dann wieder nach 2 bis 3 Monaten wiederholt werden: „Erst dann können wir sicher sein, dass das Gelernte wirklich im Langzeitgedächtnis fest verankert ist“.



Der Bremer Neurobiologe Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth hat am 26. Januar vor circa 120 interessierten Gästen in der iDSB-Aula einen Vortrag mit dem Titel seines gleichnamigen aktuellen Buches „Bildung braucht Persönlichkeit - Wie Lernen gelingt" gehalten. Roth ist Professor für Verhaltensphysiologie und Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen.


Erstellt oder aktualisiert am 02. Februar 2012.
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