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Von  Werner Balsen

Der „Kleine Macaroni“ am Tisch der Großen

Elio Di Rupos erster Auftritt auf der europäischen Bühne

Am Ende konnte selbst er die Strapazen einer harten Verhandlungsrunde bis in den frühen Morgen nicht mehr verbergen, obwohl doch lang dauernde Beratungen gerade für ihn nichts Unbekanntes sind. Aber als Elio Di Rupo sich um fünf Uhr am Freitagmorgen kurz der Presse stellte, wirkte der neue Premierminister, der so viel Wert auf Eleganz legt, deutlich zerknittert. Dabei verhandelt er, eigenem Bekunden zufolge, „sehr gerne die Nacht durch“.

 

Aber ein stundenlanger Marathon nach den Strapazen von Kabinettsbildung und unmittelbar nach seiner Regierungserklärung zehrten bei dem „Kleinen Macaroni“, wie ihn Le Monde nennt, doch sichtbar an der Substanz. Und dann musste er in den Tiefen des ockerfarbenen Bunkers an der Rue de la Loi auch noch auf Flämisch antworten. Darauf bestand das Fernsehteam aus den Niederlanden, das drei Anläufe unternahm, um ihn zu einer Antwort zu nötigen. Di Rupo, Novize in Sachen europäischer Finanzmarktkrise, war dieser Herausforderung weder inhaltlich noch am Ende einer langen Nacht sprachlich gewachsen.

 

Da war die flämischsprachige nationale Presse rücksichtsvoller: „Mir wäre es lieber, er spräche Französisch, da verstehe ich ihn besser“, gestand ein Kollege. „Aber ich anerkenne und respektiere die Geste, wenn er es in meiner Sprache versucht.“ Überhaupt: über einen Mangel an Sympathie bei den Journalisten brauchte sich der Neuling in der Runde der 27 EU-Staats- und Regierungschefs nicht zu beklagen.

 

Beifall für den Newcomer

 

Als die großen Monitore im Foyer des Justus-Lipsius-Gebäudes, wo die Schreibtische für die Presse stehen, die Ankunft Di Rupos zeigten, brandete Beifall auf, nicht nur unter belgischen Journalisten. Interessiert verfolgten die Berichterstatter aus aller Welt, wie der Neue, einer der wenigen Sozialisten in der Runde, sich beim Aussteigen aus dem Dienstwagen sein Jacket überzog und, natürlich mit der unvermeidlichen Fliege, zögernd dem Protokollbeamten in das wuchtige Gebäude folgte.

 

Auch wenn die internationalen Journalisten in Brüssel sich fast ausschließlich um die EU kümmern und die belgische Innenpolitik gerne links liegen lassen - den Mann mit der Fliege kennen sie alle. Gelang ihm doch das Wunder, nach 541 Tagen eine Regierung in dem sprachlich geteilten Land zu formen.

 

Im Auge des Taifuns

 

Am riesigen Verhandlungstisch saß der Neuling quasi im Auge des Taifuns: zwischen dem britischen Premier David Cameron und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. „Der ist ja ständig in Bewegung“, musste er erstaunt registrieren. Nicht so sehr überraschte ihn die Härte der verbalen Auseinandersetzung am Tisch. Das dürfte in der Tat nichts Neues sein für einen, der monatelang als belgischer Regierungsbildner unterwegs war. Dennoch stellte er mit Respekt fest: „Das sind Politiker durch und durch.“

 

So hart der Brite, der Franzose und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel um die Zukunft der Eurozone rangen, so nett waren sie zu dem Neuen aus Belgien: „Sie haben mich sehr freundlich behandelt“, teilte Di Rupo mit und lobte seinerseits die „Ernsthaftigkeit, Sachlichkeit und Fähigkeit zum Zuhören“ bei den anderen am Tisch.

 

Lob für Van Rompuy

 

Am frühen Freitagmorgen, nach der ersten Lektion in Sachen in Sachen europäischer Verhandlungsroutine, blitzt bei Di Rupo dann noch etwas Ironie auf - aller Erschöpfung zum Trotz. „Na ja, so eine Lektion in EU-Vertragsrecht um vier Uhr in der Früh, das ist nicht zu verachten, sondern das bildet“, erklärt er den mindestens genauso übernächtigten Journalisten. Und er hat, augenzwinkernd, noch ein paar anerkennende Worte für seinen Landsmann in der großen europäischen Runde übrig, für Herman Van Rompuy, der als Präsident des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs fungiert. Eine Staatsreform mit acht Parteien oder eine Regierungsbildung mit sechs in Belgien, das sei schon nicht einfach. Aber nichts gegen die Leitung einer Verhandlung, bei der 27 am Tisch mitreden wollen. Aber Van Rompuy sei eben auch Belgier, und ein belgischer Politiker müsse auch so etwas können.

 

Das große Interesse, mit dem die internationalen Journalisten Di Rupos Ankunft im Justus-Lipsius-Gebäude zur Kenntnis genommen hatten, war am Ende der langen Nacht auf Normalmaß geschrumpft. Bei der kurzen Pressekonferenz sprach der belgische Premier in etwa zur selben Zahl von Reportern, wie sein geschäftsführender Vorgänger Yves Leterme, stellte das Brüsseler Blatt Le Soir fest. Auch die italienischen Kollegen gingen lieber zu ihrem Premier als zum erfolgreichen belgischen Nachfahren eines Landsmannes.


Erstellt oder aktualisiert am 11. Dezember 2011.
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