Wenn der Generaldirektor des Brüsseler Palais des Beaux-Arts, Paul Dujardin, nach einer Aufführung das Podium seines großen Konzertsaals besteigt und einem Musiker eine Geburtstagstorte überreicht, so muss es schon ein ganz besonderer Anlass sein. Die Ehrung galt dem Dirigenten und Chorleiter Philippe Herreweghe aus Gent für 20jährige Treue zu BOZAR.
Im Jahr 1991 hatte dieser mit dem von ihm gerade gegründeten, in Barockmusik spezialisierten Orchestre des Champs-Elysées sein erstes Konzert im BOZAR gegeben. Aufgeführt wurde damals das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn. Die Chorpartien sang das Collegium Vocale Gent, das von Herreweghe bereits im Jahre 1970 ins Leben gerufen worden war. Der Maestro und sein Chor sind inzwischen zu tragenden Säulen der belgischen, ja der europäischen Musikkultur geworden. Sie haben inzwischen ein weltweites Renommée erreicht. Von der Generaldirektion „Erziehung und Kultur“ der Europäischen Kommission wurde das Collegium Vocale Gent zum „Europäischen Botschafter 2011“ auserwählt.
Sein musikalisches Ideal sieht Herreweghe darin, die Textvorlage durch die menschliche Stimme möglichst exakt ohne Effekthascherei musikalisch zu interpretieren. Die Sänger sollen vom Verstehen des Inhalts und ihrem Gefühl dafür ausgehen.
Mehr als 2000 Konzerte in 40 Jahren
In den 41 Jahren ihrer Zusammenarbeit haben Herreweghe und sein Chor mehr als 2000 Konzerte gegeben. Während der beiden ersten Jahrzehnte stand die Barockmusik eindeutig im Vordergrund, vor allem jene Johann Sebastian Bachs und seiner Söhne. Inzwischen wird das Repertoire ständig erweitert auf die klassische, die romantische und sogar auf die neuzeitliche Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.
Seit 2009 arbeitet Philippe Herreweghe daran, an der Accademia Chigiana in der schönen Stadt Siena in der Toskana einen großen europäischen symphonischen Chor aufzubauen. Diesem werden Sängerinnen und Sänger aus vielen Ländern Europas angehören. Den Kern werden die erfahrenen und professionellen Mitglieder des Collegium Vocale Gent bilden. Dessen Mitglieder kommen schon heute aus zehn Ländern.
Beethovens „Missa solemnis“ zum Jubiläum
Welche Faszination davon ausgeht, wenn die Sänger aus Gent und jene aus Siena gemeinsam auftreten, davon konnten sich die Zuhörer beim Jubiläumskonzert im BOZAR selbst überzeugen. Die Interpretation der „Missa solemnis“ von Ludwig van Beethoven, begleitet vom Orchestre des Champs-Elysées auf historischen Instrumenten und dirigiert von Philippe Herreweghe, bestätigte die hohe Qualität und den herausragenden Rang der Barockmusik in Belgien. Neben Herreweghe zählen die Belgier René Jacobs und die Gebrüder Kuijken zu den international anerkannten Interpreten und Dirigenten des barocken Repertoires.
Philippe Herreweghe wird mit dem Collegium Vocale Gent und mit dem flämischen Symphonieorchester deFilharmonie, dessen Chefdirigent er ebenfalls ist, bis Juni 2012 noch fünf weitere Konzerte in Brüssel geben. So ist für den 28. Februar 2012 ein Konzert im Kulturzentrum Flagey mit Musik von Kurt Weill, Hanns Eisler und Hugo Distler geplant.
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