Im Süden der Türkei, hoch droben im Taurusgebirge nördlich von Antalya, liegt die Ruinenstadt Sagalassos. Seit mehr als zwanzig Jahren wird die einstige griechisch-römische Metropole von einem Forscherteam der Universität Löwen ausgegraben. Erstmals durften die archäologischen Funde nun die Türkei verlassen. Das Gallo-Römische Museum in Tongern widmet dem zu Unrecht kaum bekannten „Pompeji des Ostens“ zurzeit eine fesselnde Ausstellung.
Es war ein früher Morgen im August 1983. Nach langer Fahrt mit dem Geländewagen erreichte der belgische Archäologe Prof. Marc Waelkens eine Stätte, die nur Eingeweihten bekannt war – die Überreste der antiken Metropole Sagalassos im Süden der Türkei. Auf den Hügeln und in den Tälern des riesigen Areals erblickte Waelkens mehr als zehn Meter hohe Ruinen. Der Boden war übersät mit antiken Glas- und Keramikscherben. Die einzigen Lebewesen weit und breit waren ein alter Wächter und die Raubvögel, die über dem karstigen Bergland kreisten.
Waelkens ahnte, dass die Stadt in ferner Vergangenheit einmal ebenso faszinierend und bedeutend war wie Ephesus oder Milet. Und sie war besser erhalten: Seitdem Sagalassos um 600 n. Chr. von seinen Bewohnern verlassen wurde, hatten sich meterdicke Erosionsschichten über Sagalassos gelegt und durch ihre abgelegene Lage waren die Ruinen nie als Steinbrüche benutzt worden. Jener frühe Morgen markierte das Aufwachen der Stadt nach fast eineinhalbtausendjährigem Schlaf. Prof. Waelkens beschloss, sie auszugraben.
Drei große Epochen
Sechs Jahre später rückte ein Team der Universität Löwen an und machte sich ans Freilegen der Ruinen. Heute ist Sagalassos das größte Ausgrabungsprojekt im Mittelmeerraum. Die zahllosen Funde wanderten ins Archäologische Museum des nahegelegenen Burdur. Aber seit November und noch bis Juni 2012 sind rund dreihundert Fundstücke in Tongern zu sehen. Dass sie die Türkei überhaupt verlassen durften, ist Prof. Waelkens zu verdanken, der ausgezeichnete Beziehungen mit der türkischen Regierung unterhält.
„Sagalassos, Stadt der Träume“ vermittelt einen Einblick in eine antike Stadt, die nach der Einnahme durch Alexander den Großen ihrer ersten Blüte als hellenistische Metropole erlebte und unter den römischen Kaisern Augustus und Hadrian zu einer der bedeutendsten römischen Städte Kleinasiens wurde. Die dritte Epoche von Sagalassos war die christliche; im 4. Jahrhundert war die Stadt sogar Bischofssitz. Dann besiegelten eine Pestepidemie und zwei Erdbeben im 6. und 7. Jahrhundert ihren Untergang.
Prachtbrunnen, Thermen, Agoren
Im antiken Sagalassos gab es herrliche Heiligtümer, Prachtbrunnen, römische Thermen, Agoren, Marktplätze, Theater, ein Stadion und eine Bibliothek. Zu Ehren der griechischen Götter und der römischen Kaiser wurden kolossale Statuen aus kostbarstem weißem Marmor gehauen. Man lebte vom Handel in Getreide, Oliven, Kiefern und Tafelgeschirr und von den vielen tausend Touristen, die jährlich aus der ganzen Region zu den Festspielen zu Ehren der römischen Kaiser in die Stadt reisten. Sie konnten dort jeglichen Luxus genießen. Zwar zählte Sagalassos auch in seiner Blütezeit nur knapp 5000 Einwohner. Aber das Theater war für 9000 Besucher ausgelegt.
Zu den Exponaten im Gallo-Römischen Museums gehören die monumentalen Häupter der Statuen von Kaiser Hadrian und Kaiser Marc Aurel; letztere war vermutlich mehr als fünf Meter hoch. In den Schaukästen entdecken wir Gebrauchsgegenstände, rituelle Objekte und Statuetten aus Eisen, Bronze, Ton und Marmor. Und Projektionen, multimediale Installationen, ein Architekturmodell und Fotos vermitteln einen Eindruck von der Großartigkeit einer Stadt, von deren Agoren und Heiligtümern aus der Blick kilometerweit übers Taurusgebirge schweifte.
Eindrucksvolle Inszenierung
Die Ausstellung, Krönung des Lebenswerks von Prof. Waelkens, ist keine klassische Antiken-Schau, sondern ein Gesamterlebnis. Der Höhepunkt ist eine dreidimensionale Rauminstallation des berühmten belgischen Theater- und Opernregisseurs Guy Joosten, die die Besucher in ein Sagalassos versetzt, das auch nach dem letzten großen Erdbeben noch immer ehrfurchtgebietend war. Auch sonst ist die Ausstellungsarchitektur roh und kraftvoll. Eisengerüste vermitteln den Eindruck, mitten durch die Ausgrabungsstätte zu wandern, auf der bereits mehrere Monumente aus ursprünglichen Materialien und mit uralten Techniken wieder aufgebaut wurden.
Und noch immer wird in Sagalassos gegraben. Erst ein Bruchteil der Schätze ist freigelegt. Aber für die Fortsetzung des derzeit größten Ausgrabungsprojekts im Mittelmeerraum muss man selber in die Türkei reisen. Für die Zwischenbilanz lohnt sich unbedingt die Reise ins nahe Tongern.
„Sagalassos, City of Dreams“, Gallo-Romeins Museum, Kielenstraat 15, 3700 Tongern, geöffnet täglich außer Montag von 9 bis 17 Uhr, noch bis 17. Juni 2012. Alle Informationen: www.galloromeinsmuseum.be.
Alle Ausstellungstexte in Niederländisch, Französisch, Deutsch, Englisch und Türkisch. Im Museumsshop gibt es den empfehlenswerten Bildband „Sagalassos, eine römische Stadt in der Südwesttürkei“ des Wienand Verlags Köln, 176 S., ISBN 978-3-86832-072-5.
Fotonachweis: Alle Fotos (c) Gallo-Römisches Museum Tongern
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