Bücher
Drucken|Kommentieren|

Von  Christoph Niekamp

Bloß kein Trollinger!

Landesvertretung Baden-Württemberg startet Buchwochen

Lesestoff für unzählige schlaflose Nächte zieht sich Regal an Regal an den Wänden entlang. Zum achten Mal starteten am Donnerstag, 24. Mai, die Buchwochen in der Landesvertretung Baden-Württembergs in der Rue Belliard. Bis zum 29. Juni zeigt die Wanderausstellung Autoren aus dem Südwesten und ihre Werke. Mit den Büchern stand am Eröffnungsabend der Südweststaat im Mittelpunkt, dessen Gründung sich 2012 zum 60. Mal jährt.

 

Heimat – mehr als der Ort der Geburt

„Heimat ist der Ort, wo Menschen sind, mit denen ich mich verstehe“, stellte Gertrud Schreck fest. Sie ist eine der vier Gewinner des Wettbewerbs „Baden-Württemberger Geschicht(en)“, die auf der Bühne Anekdoten erzählten und erklärten, was sie unter dem Begriff „Heimat“ verstehen. Alle Landeskinder des Jahrgangs 1952 konnten an dem Wettbewerb teilnehmen. Also alle, die zusammen mit dem Südweststaat das Licht der Welt erblickten. Gewinner Hermann Metzger aus Niederstetten wurde sogar am selben Tag geboren. Klar, dass dann am 25. April auch die passende Anzeige in der Lokalzeitung stand: „60 Jahr wird’s Ländle, genauso wie’s Hermännle.“

Mit viel Humor und Mundart plauderten die vier Gewinner mit dem früheren SWR-Intendant Professor Peter Voß über ihre liebgewonnene Heimat. Elke Behrend brachte es dabei auf den Punkt: „Heimat ist Familie und nicht an einen Ort gebunden." Das findet auch Professor Hans-Georg Wehling, der in Tübingen seine Wahlheimat gefunden hat. Beim Podiumsgespräch lieferte Wehling, der sich seit Jahrzenten intensiv mit der Landeskunde befasst, politische und historische Hintergrundinformationen.

 

Schwaben und Badener - innig verfeindet

Für Ursula Stern, die vierte Gewinnerin auf dem Podium, war die Frage noch der Heimat nicht so einfach zu beantworten. „Ich darf nicht mit dir spielen, du bist eine Schwäbin!“ So wurde die kleine Ursula in ihrer Kindheit oft ausgegrenzt, nachdem sie als Achtjährige von der Schwäbischen Alb ins badische Gaggenau kam. Hier Fuß zu fassen, war für Stern nicht immer einfach. Trotzdem sagt sie heute: „Auch das Badische ist meine Heimat geworden.“ Moderator Professor Peter Voß verglich den Konflikt in Baden-Württemberg mit den aktuellen Spannungen zwischen Wallonen und Flamen. „Wenn man hier in Belgien ist, weiß man erst, was ein Konflikt ist“, meinte Voß. Heute haben sich die Badener an das Zusammenleben mit den Schwaben gewöhnt.

 

Poetry Slam als Résumé

Direkt aus der Landeshauptstadt Stuttgart angereist war der Rapper und Poetry Slammer Tobias Borke. Nur halb so alt wie die Gäste auf der Bühne übersetzte er die Themen vom Podium zwischendurch immer wieder im die Sprache der Jugend. Unterstützt vom Beatboxer Phillip "Pheel" Schaibel, der mit Mund und Mikro den Takt angab, reimte Tobias Borke über Heimat, Integration und „Gsälz“. Moderator Professor Voß stellte klar, warum der Rapper wichtig für die Veranstaltung war: „Wenn es zu langweilig wird, muss er es raus reißen.“

 

Kulinarische Vielfalt im Südwesten

Doch auf der Bühne kam keine Langeweile auf. Besonders beim Thema Regionale Küche diskutierten die Gesprächspartner humorvoll über Südbadische Bratkartoffeln und Württemberger Rotwein. An eben diesem ließ Professor Wehling kein gutes Haar. „Der Trollinger passt genau in die Lebensfeindlichkeit in Alt-Württemberg hinein. Ganz nach dem Motto: Wenn man schon Alkohol trinkt, dann darf er wenigstens nicht schmecken.“ Wehlings Meinung traf auf einigen Protest - sowohl im Publikum als auch auf dem Podium.

In einem waren sich jedoch alle Teilnehmer einig: Heimatliebe geht durch den Magen. Beim anschließenden Buffet durften die Gäste im belgischen Exil diese Heimatliebe wenigstens in Form von Spätzle und Maultaschen genießen. Mit einem lieblichen Rotwein in der Hand (es muss nicht immer Trollinger sein) stöberte so mancher Besucher in den Buchauslagen der baden-württembergischen Verlage.

 

Bücher zum Jubiläumsjahr

Denn genau dieser Lesestoff war ja der Anlass für die Vernissage am Donnerstagabend. Im Jubiläumsjahr greifen zahlreiche Autoren um die landestypischen Dialekte auf. So wie Albin Beck. In seinem Büchlein „Ma muss au Ja saga könna“ erzählt Beck „schwäbische Geschichten zum Lachen und Sinnieren“. Auch die Politik fehlt nicht: Der Herder-Verlag präsentiert ein Portrait des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Manfred Bomm bringt in seinem neuen Krimi „Mundtot“ einen jungen Politiker in tödliche Gefahr.

Für Freunde der Fotografie zeigte die Wanderausstellung die Gewinner des diesjährigen Deutschen Fotobuchpreises, verliehen vom Landesverband Baden-Württemberg im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. „Wir können alles“, zitieren Andreas Braun und Gabriele Renz das Werbe-Motto des Landes im Titel ihres neuen Buches, das „60 Einblicke in die Geschichte Baden-Württembergs“ gewährt. Der runde Geburtstag vom Ländle war allgegenwärtig.

Daneben gibt es 2012 ein weiteres Jubiläum zu feiern. Seit 1987, also seit 25 Jahren, verfügt das Bundesland über ein Verbindungsbüro in Brüssel. Darauf machte die stellvertretende Leiterin Dr. Nicola Schelling in ihrer Begrüßungsrede aufmerksam.

Ein doppeltes Jubiläumsjahr, das für Johannes Scherer die letzte Vernissage bedeutete. Denn der Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württemberg im Börsenverein des Deutschen Buchhandels geht Ende 2012 in den Ruhestand. Genug Zeit, um in den vielen neuen Romanen der Buchausstellung zu schmökern.

Fotos: Gert Jauernig; Christoph Niekamp

Die Buchwochen dauern noch bis zum 29. Juli. Zum Abschluss präsentiert der Klett-Cotta-Verlag das neue "Europäische Geschichtsbuch". 15 Historiker aus 13 Nationen haben sich darin mit der Frage beschäftigt, ob es eine gemeinsame europäische Geschichte gibt.


Erstellt oder aktualisiert am 25. Mai 2012.
zurück hoch
 

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie den Zahlencode nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kommentar schreiben
Eté Image Banner 180 x 150