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Von  Renate Kohl-Wachter

Bilaterale Urlaubskatzen

Deutsch-Belgische Freundschaft über den Gartenzaun hinweg

Die große Reisewelle ist angerollt, in Belgien ist es still geworden. Manch eine oder einer von uns Expatriates liegt nun an südlichen Stränden oder auf nördlichen Schären. Und denkt mit Zärtlichkeit an die letzten Tage in der alten Wahlheimat zurück. Denn knapp vor dem Urlaub wurden ganz überraschend Freundschaften mit den Nachbarn geschlossen. Man muss ihnen nur das Haustier ans Herz legen. 

Kaum ist es Sommer, haben wir Urlaub. Richtigen Urlaub. Das heißt: Nicht einfach freie Tage zum Faulenzen im Bett oder vor dem Fernseher. Richtiger Urlaub ist, wenn man wegfährt. Soviel ist noch übrig von der mittelhochdeutschen Bedeutung des Wortes „urloup“, der Erlaubnis, sich vom Hof des Herrschers zu entfernen.

Heute entfernen wir uns von unserem Arbeitsplatz. Aber nicht nur. Wir entfernen uns auch von unserem Hab und Gut. Und damit beginnen die Probleme. Wer versorgt für vier Wochen die Katze? Wer gießt die Palme? Wer leert den Postkasten? Und wer könnte nachsehen, ob das Bügeleisen wirklich abgeschaltet ist?

Unbekannte Nachbarn als Retter in der Not 

Leichthin wischen wir solche schweren Gedanken weg, wenn wir im Winter die Reise planen. Gereizt schieben wir sie von uns im Frühling, wenn wir die Buchung bestätigen. Richtig dramatisch wird es, wenn sich Ende Juni abzeichnet, dass alle Freunde und Bekannte gleichzeitig in den Urlaub fahren. Auch die Putzfrau verreist. Der Babysitter versorgt schon die Haustiere von drei anderen Familien. Jetzt kommt es entscheidend darauf an, wie intensiv wir uns das ganze Jahr über um die Beziehungen zu entfernter stehenden Menschen gekümmert haben.

Nicht sehr, das muss ich zugeben. Nun rächt es sich bitter, dass wir den Nachbarn, dessen Hund von unserer Katze in die Nase gebissen wurde, nicht mit einem Fläschchen Wein beschwichtigt haben. Und hätten wir mit den alten Leutchen rechts von uns nicht schon Freundschaft schließen können, bevor die Frage der Tierversorgung akut wurde? Können wir etwa bei der jungen Frau gegenüber, die immer so nett lächelt, einfach anklopfen?

Nun ist es also an der Zeit, mit einem Blumenstrauß bei halbfremden Menschen vorzusprechen. Mit schlechtem Gewissen, weil unsere plötzliche Kontaktsuche so eindeutig zweckbetont ist. Und in der geheimen Überzeugung, wir selber wären für unseren Hausstand doch unentbehrlich. Denn auch wenn die von uns Genötigten bereit sein sollten, sich um unsere Hinterlassenschaften zu kümmern - sind sie überhaupt in der Lage dazu? Die Katze zum Beispiel könnte vom nächsten Kampf im Kohlenkeller zwar siegreich, aber mit dicker Pfote zurückkommen. Das Futter könnte ausgehen. Das Katzenklo müsste geleert werden. Die Hortensien könnten an einem heißen Tag verbrennen. Man darf es sich gar nicht ausmalen.

Deutsch-Belgische Freundschaft über den Gartenzaun hinweg

Und dann ist alles wider Erwarten doch ganz einfach. Obwohl man sich bisher nur von Weitem gegrüßt hat, sind die Nachbarn durchaus im Bilde, was unsere Nationalität, den Familienstand und die Gartenbepflanzung betrifft. Ihnen gehören ein paar Hamster und Meerschweinchen, die wir im Gegenzug versorgen dürfen, wenn sie in Urlaub gehen. Es stellt sich heraus, dass sie deutschen Wein mögen und dass unsere Katze ohnehin bei ihnen durchs Fenster springt.

Zentnerlasten kollern uns von der Seele. Ein Gläschen wird auf die belgisch-deutsche Freundschaft getrunken. Wir überreichen ihnen die Hausschlüssel. Und wissen Katze, Palme und Hortensie bei ihnen in guten Händen. So sind sie, unsere belgischen Nachbarn. Wir werden ihnen ein schönes Souvenir mitbringen. Und sie werden uns überrascht und verlegen versichern, dass sie das überhaupt nicht erwartet haben
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Erstellt oder aktualisiert am 13. Juli 2012.
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