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Von  Ulrich M. Alexander

Begeisternde Trauer

Burgundische Grabskulpturen im Brügger St. Janshospital

Selten war ein Trauerzug mit 37 Teilnehmern so begeisternd wie der, der gerade im St. Janshospital in Brügge aufmarschiert. Die Figuren des Prunkgrabs von Johann Ohnefurcht und Margarethe von Bayern sind auf der Wanderausstellung „Die Trauernden. Tränen aus Liebesleid“ erstmals außerhalb ihrer Heimat Dijon zu sehen. Anhand von Kunstwerken von Alberto Giacometti und modernen Künstlern wird auch eine Brücke zur Gegenwart gebaut. Und es gibt viele Verweise nach Deutschland.


 

Johann Ohnefurcht war von 1404-1419 Herzog von Burgund. Sein Vater Philipp der Kühne hatte für sein Grab von dem genialen Bildhauer Claus Sluter radikal moderne Trauerfiguren anfertigen lassen. Abweichend von früheren reliefartigen Skulpturen schuf Sluter vollplastische Figuren. An Sluters Vorbild angelehnt, ja selbst kopiert, wurde das Prunkgrab für Johann Ohnefurcht dann von Jean de la Huerta und Antoine Le Moiturier angefertigt.



Expressivität par excellence

 

Die nur knapp 40 Zentimeter kleinen Alabasterfiguren wurden wie am Grab des Herzogs in rechteckiger Form aufgestellt. Da sie sich auf Tischen befinden, lässt sich ihre – im Vergleich zu ihrer Größe - monumentale Expressivität hervorragend bewundern. In Dijon befinden sich die Figuren am Fuß des Prunkgrabs. In Brügge kann man den von ihren Gefühlen überwältigten Mönchen und Höflingen, ohne auf die Knie gehen zu müssen, unter die Kapuzen schauen. Da die 37 Figuren auf nur zwei Tischen platziert sind, erweckt die Ausstellung zunächst den Eindruck einer kleinen, unbedeutenden Sammlung. Wie sehr dieser Eindruck täuscht, zeigt die nähere Betrachtung der unzähligen Details und der Unterschiedlichkeit vieler Figuren.

 

Johann Ohnefurcht wurde 1419 auf Befehl des französischen Thronfolgers Karl VII. in einen Hinterhalt gelockt und ermordet, sein Prunkgrab mit den hier ausgestellten Grabfiguren wurde aber erst zwischen 1443 und 1470 von de la Huerta und Le Moiturier konzipiert und gebaut. Das Grab und die Figuren befinden sich seit jeher im Musée des Beaux-Arts von Dijon, dem früheren herzoglichen Palast. Durch große Restaurierungsarbeiten konnten die Trauerfiguren das Museum nun zum ersten Mal verlassen und kommen nun, wie Mieke Parez, die Projektkoordinatorin, es formuliert, „auf Familienbesuch. Johanns Enkel Karl der Kühne und Urenkelin Maria von Burgund erhielten ihr Prunkgrab gegenüber dem Museum in der Liebfrauenkirche von Brügge.“



Brücke zur Moderne

 

Direkt daneben sind fünf Figuren des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti aufgestellt. Welch ein Gegensatz in der Mentalität und im Zeitgeist dabei zu beobachten ist! Sind die Trauernden eine Gesellschaft, die gemeinsam im Leid versinkt, sind Giacomettis Figuren isolierte Rufer in der Einsamkeit. Im 15. Jahrhundert hatte jeder Höfling oder Mönch seine Position und Aufgabe im Leben, trauernd einem Herrscher unterstellt, der einen Allmachtsanspruch hegte. Giacomettis Figuren aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen dagegen die Ohnmacht vor dieser Allmacht, Standesgrenzen sind im Leid nicht mehr erkennbar und der Mensch ist verunstaltet und mit tiefgreifendem Schrecken auf sich allein gestellt.

 

Die Ausstellung wird durch moderne Kunstwerke im Dachboden des St. Janshospitals abgerundet. Darunter befinden sich 101 Fotos des deutschen Künstlers Hans-Peter Feldmann, der jedes Lebensjahr des Menschen vom Baby bis zur hundertsten Geburtstag anhand von Schwarz-Weiß-Porträts dokumentiert. Eine weitere Verbindung zu Deutschland ist der nächste Veranstaltungsort dieser genialen Wanderausstellung: das Bode-Museum in Berlin, das die Trauernden ab September beherbergen wird.

 


„Die Trauernden. Tränen aus Liebesleid.“

 

Noch bis 19. August im St. Janshospital, Mariastraat 38, 8000 Brügge.

 

Geöffnet täglich außer Montag von 9.30-17 Uhr.

 

Eintritt: 8 € (Ausstellung und permanente Sammlung).


Fotos: offizielle Pressefotos des St. Janshospitals Brügge.


Erstellt oder aktualisiert am 09. Juli 2012.
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