„Great Party“ bringt es Jacek, der junge Bauarbeiter aus Stettin neben mir auf den Punkt. Die Menge zwischen Europäischem Parlament und Place Luxemburg tanzt, singt, staunt über die Lichtspiele und hält fünf überdimensionale weiße Ballons in Bewegung.
Das Auftaktfest fürs Volk zu Ehren der Belgischen Ratspräsidentschaft folgt dem erprobten Rezept des Bal National, der seit 2003 alljährlich vor dem Nationalfeiertag in den Marollen in Brüssel stattfindet. Das Erfolgsrezept: Großleinwände, zwei Moderatoren - für Französisch und Niederländisch, für Englisch war kein Platz -, einen Partytanz nebst Vortänzern und danach in wilder Folge Musikstars aller Sparten. Die Tanzschule ist am Samstagabend WM-bedingt noch etwas schwach besucht, dafür werden die Bildschirme der Bistros auf dem Place Luxembourg umso mehr belagert. Aber Tausende feiern später die Stars: den 70-jährigen José van Dam, von fast monströser Leistungsfähigkeit nach seiner Gala in Königs Garten am Vorabend, mit souveräner physischer und stimmlicher Fülle die ehemalige Eurovision-Gewinnerin Sandra Kim, den bald 90-jährigen Jazzer Toots Thielemans, Daan, Joost Zwegers, Marie Daulne, und mit zuverlässig tiefem T-Shirt-Ausschnitt Brian Molko.
Biergenuss und Freiluftpinkeln
Im Vergleich zum Bal National gibt es einen Europa Bonus: den Veranstaltungsort.
Vielleicht ist es das Europaviertel, vielleicht die maßvolle Verteilung des belgischen Nationalgetränks: wohl beides hemmt die sonst obligate unheilige Allianz Biergenuss und Freiluftpinkeln. Noch eine Zugabe zum Bal National: die Projektionen auf die Fassade des Parlaments und die Fußgängerpassagen, das Feuerwerk und die Tanzeinlagen über der Menge.
Weiß gekleidete Luftwandler drehen sich über der Menge und spielen mit durchsichtigen Schirmen – Butoh meets Magritte meets Marionetten. Eine projizierte Straße riesiger Ameisen auf der EP Fassade erinnert an die hochfrequentigen Schritte im Gebäudeinneren, weicht aber schnell anderen Tieren, Farben, Fahnen und Politikerköpfen.
Tanzende Sterne
Eine trocken und – so weit das geht - wenig pathetisch interpretierte Europahymne und ein passables Feuerwerk scheint den Schlusspunkt zu setzen, zumal vor einem blauen Tuch ein stehender Kreis aus 12 gelb gekleideten Tänzern in der Luft schwebt. Wer diese tanzenden Sterne mit ihren gelben Mützen gesehen hat, betrachtet die Europafahne sicher ab jetzt mit anderen Augen.
Doch Belgien wäre nicht Belgien wenn es nicht noch eine Überraschung geben würde. Der Schlussakt „Alors on danse“ – Stromae singt seine Hymne der Desillusionierten und dominiert im Konfettisturm über die Tochter aus Elysium:
Qui dit argent dit dépenses,
Qui dit crédit dit créance,
Qui dit dette te dit huissier.
(Wer von Geld redet, spricht von Ausgaben
Wer von Krediten spricht, meint Außenstände
Wer Schulden sagt, sagt auch Gerichtsvollzieher…)
Glaubte man dem Lied, gäbe es noch Hoffnung für Belgien – und wohl auch für die EU unter belgischer Ratspräsidentschaft.
Qu'en tu crois enfin que tu t'en sors quand y en a plus et ben y en a encore!
(„Wenn du letztlich meinst, du könntest einen Ausweg finden, wenn es keinen mehr zu geben scheint, und es trotzdem noch einen gibt!“)
Alle Menschen werden Brüder – EU: alors on danse...
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