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Von  Michael Kuhn

Architektur und Theologie

Zur Gestaltung der St. Pauluskirche in Brüssel

„Ah, ist dieser Raum schön: so hell, so ruhig, so schlicht und diese Kreisaufstellung macht ihn irgendwie anders…“ Diese Bemerkung ist von Besuchern zu hören, die unsere St. Pauluskirche in Brüssel das erste Mal betreten. Meist folgt dann eine Diskussion, in der Begriffe wie „modern“ gegen „konservativ“, „Vatikanum II“ gegen „vorkonziliar“ fallen oder aber die Frage: „Ist das denn noch katholisch?“ Diese Schlagworte werden oft aus Verlegenheit verwendet.


Wer Kirchen besucht – von der frühkirchlichen kleinen Basilika über die großen romanischen und gotischen Kathedralen, die barocken Jesuitenkirchen bis hin zu Kirchenbauten der letzten Jahrzehnte: durch genaues Hinsehen erschließt sich das in der Architektur „Stein gewordene“ theologische Programm der jeweiligen Epoche. Ein anschauliches Beispiel dafür wäre in Brüssel ein Vergleich zwischen der St. Michielskathedrale, der Basilika am Koekelberg und unserer St. Pauluskirche. Jede dieser drei Kirchen ist ein „Symbol ihrer Zeit“, aus ihr heraus zu verstehen und zu bewerten.


Der Communio-Raum


Im Zusammenhang mit unserer St. Pauluskirche wird immer wieder vom „Communio-Raum“ und einem „nachkonziliaren Kirchenraum“ gesprochen. Damit ist eine Vorstellung von Kirche (im doppelten Sinn) gemeint, die in Ergänzung (und Unterscheidung) des bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Modells – der nach vorne hin gerichteten „Wegkirche“ und der damit verbundenen Form der Liturgie des Gegenüber von Gott und versammelter Gemeinde – die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen bzw. der Menschen untereinander betont.


Auffällig ist, dass communio-Räume vergleichsweise kleiner sind und daher die Gemeinschaft der Gottesdienst Feiernden sinnfälliger und erfahrbarer machen. Alle Beteiligten, in ihrer jeweiligen Rolle, können aktiv am gottesdienstlichen Geschehen teilnehmen. Oft wird gegen die Communio-Theologie und -Liturgie eingewandt, dass hier die Gemeinde weniger Gott feiere, sondern sich selbst. Demgegenüber gilt das Wort des Evangeliums: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“: Die Gemeinde feiert nicht in der Form eines „liturgisch verkleideten kaiserlichen Hofzeremoniells“ einen „thronend herrschenden Gott“, sondern im Gedenken an Gottes Heilshandeln in Vergangenheit und Gegenwart die Tatsache, dass „Gott-unter-uns“ ist („Ich bin mit euch alle Tage bis an die Enden der Zeit“).


Diese Anwesenheit Gottes unter uns ist eine „verborgene Anwesenheit“, gleichzeitig geschenkt und unverfügbar. Diese beiden Tatsachen drücken zwei kleine Zeichen in der St. Pauluskirche sinnfällig aus: das Vortragekreuz steht im ersten Stühlekreis rund um den Altar – Gott ist uns in Jesus Christus auch Bruder geworden. Die Mitte des Kirchenraums bleibt leer und unverstellt: Gott zeigt und schenkt sich uns immer wieder anders und neu: im neugeborenen Kind, das getauft wird; in der Liebe zweier Menschen, die einander Treue geloben; im Toten, von dessen sterblichem Leib wir uns verabschieden und hoffen und glauben, dass er zu Gott heimgekehrt ist – und in vielen anderen, unerwarteten Formen und Geschehen.


Das Selbstverständnis unserer Gemeinde


Mit dem letzten Beispiel ist bereits das Selbstverständnis unserer Gemeinde angesprochen, das in der Planung und im Bau unserer Kirche seinen Ausdruck gefunden hat: Die Gemeinde lebt, um die Anwesenheit Gottes unter uns Menschen zu bezeugen und Gott gleichzeitig den Raum zu lassen, uns die Augen zu öffnen und sich uns im Hören auf sein Wort und im Feiern der Erinnerung an seinen Tod und seine Auferstehung immer wieder neu zu zeigen.


Die St. Pauluskirche ist weniger ein Raum privater Andacht und Verehrung – eine Tatsache, die von manchen Besuchern bemängelt wird – sondern ein Ort der Feier der Gemeinde. Sie greift damit frühchristliche Formen und Traditionen für unsere Zeit auf und lädt ein, ausgehend von ihrer Architektur und Gestaltung über die Aufgabe und die Rolle von uns Christen in unserer Gesellschaft nachzudenken.


Foto: Christian Glatz

Mit freundlicher Genehmigung der St. Paulusgemeinde übernommen aus dem PaulusRundbrief Oktober/November 2011.


Erstellt oder aktualisiert am 21. Dezember 2011.
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