Für Anfänger
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Von  Armin Möller

Alles genau geregelt

Sprachkünste bei der belgischen Bahn

Eisenbahnfahren in Belgien macht Spaß! Der Großteil der Züge ist modern oder modernisiert, das Streckennetz ist eines der dichtesten weltweit, und die Tickets sind - im europäischen Vergleich - günstig. Aber: Bahnfahren in Belgien hat Tücken, denn die Stationsnamen und Durchsagen in den Zügen und Bahnhöfen werden abhängig vom Aufenthaltsort in der jeweiligen Landessprache angesagt. Da wird aus Edingen mal eben Enghien und aus Waremme Borgworm. Dies ist nur eine von vielen Eigentümlichkeiten der Sprachregelung bei der belgischen Bahn.

Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen - sicher in Belgien. Um dieses Sprichwort zu bestätigen, sei eine Reise mit dem Intercity von Eupen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens über Lüttich im französischsprachigen Wallonien und weiter über das zweisprachige Brüssel nach Gent empfohlen. Dieser Zug ist der Einzige, der alle vier Sprachgebiete Belgiens durchquert.

Willkommen, bienvenue!

Eupen, Bahnhof. Der Zug setzt sich in Bewegung. Auf der Anzeige über der Abteiltür steht: "Willkommen im IC nach Ostende - nächster Halt ist Welkenraedt". Die Anzeige erscheint in astreinem Deutsch, und auch der flämische Zugbegleiter, der die Fahrkarte kontrolliert, versucht sein Bestes zu geben. "Das Ticket bitte", sagt er freundlich. Pünktlich ab der Überquerung der Autobahn E40 - kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof von Welkenraedt - ändert sich die Anzeige über der Tür. "Bienvenue dans le train IC à destination Ostende - nous arrivons à Welkenraedt!" Fortan erscheint alles auf Französisch.

Wieder kommt der Zugbegleiter und kontrolliert die Fahrscheine. "J'ai déjà vu votre billet, monsieur?", fragt er. Natürlich, er hatte den Fahrschein schon gesehen. Offenbar ist der Zugbegleiter des Französischen mächtiger als des Deutschen, denn erst jetzt greift er zum Mikro und begrüßt die Reisenden im Zug - auf Französisch. Der Zug schlängelt sich durch das Tal der Weser in Richtung Verviers und weiter nach Lüttich. Flämische Pfadfinder steigen ein, sie hatten einen Tag in "Luik" verbracht und lachen über die Ansage im Zug, die als nächste Haltestelle Louvain und nicht Leuven - also Löwen - verkündet.

Auf der Sprachgrenze

Hinter Ans zweigt der Zug auf die Hochgeschwindigkeitsstrecke in Richtung Löwen ab. Mit 200 Sachen geht es nun durch die Provinz Lüttich, durch einen Zipfel von Limburg und schließlich durch Flämisch-Brabant. Unterwegs muss der Zug wegen eines roten Signals halten. Die Lokomotive steht bereits in Flandern, sieben von zwölf Waggons stehen noch in der Wallonie. Was nun folgt ist Fiktion, in Belgien aber durchaus Realität! Klarer Fall für den Zugbegleiter: "Mes dames et messieurs, en quelques instants ...!" Die Sprachregelung bei der belgischen Bahn ist rigoros. In jedem Landesteil die jeweilige Landessprache! Und das nimmt man sehr genau.

Der Zug fährt weiter. Nächster Halt, "volgende Halte", ist Löwen - hier angezeigt als Leuven. "De volgende halten zijn Brussel-Noord, Brussel-Centraal en Brussel-Zuid", erklärt die Durchsage nur auf Niederländisch. Das wird sich ändern, denn Brüssel ist in Sichtweite. Brüssel-Nord wohlgemerkt. Was Außenstehende vielleicht gar nicht merken, ist für Zugbegleiter in Belgien Pflicht. In Brüssel-Nord wird erst niederländisch, dann französisch gesprochen, in Brüssel-Zentral darf der Zugbegleiter je nach seiner Muttersprache wählen, und in Brüssel-Süd muss er erst Französisch und dann Niederländisch sprechen.

Verrückte Welt. Nein! Denn die Sprachregelung bei der belgischen Bahn ist wohl durchdacht.

Im Schilderwald

Im Brüsseler Nordbahnhof etwa ist die Beschilderung wie folgt: Brussel-Noord - Bruxelles-Nord - Brussel Noord. Im Südbahnhof: Bruxelles-Midi - Brussel-Zuid – Bruxelles-Midi. Im Brüsseler Zentralbahnhof auf Gleis 1: Bruxelles-Central - Brussel-Centraal – Bruxelles-Central. Im Brüsseler Zentralbahnhof auf Gleis 2: Brussel-Centraal - Bruxelles-Central - Brussel-Centraal.

Als würde es noch nicht genügen, dass sämtliche Bahnhöfe aller so genannter Fazilitätengemeinden zweisprachig beschildert sind, gibt es zusätzlich noch diese Form des Proporzes. Übrigens: Liebhabern von Kuriositäten sei empfohlen, einmal von Ronse (Renaix) nach Enghien (Edingen) zu fahren und von dort aus nach Geraardsbergen (Grammont) und weiter nach Mouscron (Moeskroen).


Erstellt oder aktualisiert am 25. März 2011.
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Kommentare

Karl Rüdiger Himmes, 30.03.2011 17:17 Uhr
Sehr geehrte Redaktionsmitglieder,
zunächst einmal Dank für die hohe journalistische Qualität. Auf Ihre homepage bin ich glücklicherweise von Herrn E.C.Heinrich hingewiesen worden.
Der Artikel über die SNCB entspricht in der Tat der multilingualen z.T. absurden Realität Belgiens.
Ich werde Ihre Mitteilungen auch in Zukunft sehr gerne lesen, da ich mich für Belgien stets eingesetzt und interessiert habe.
Karl Rüdiger Himmes
Stadtverordneter des Rates der Stadt Neuss
Vorsitzender des Komitees für Internationales
Chevalier du Roi Leopold II


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